In der heutigen Finanzwelt, in der Unsicherheit die einzige Konstante ist, erweitern Aufsichtsbehörden und Branchenführer ihren Definitionsrahmen für finanzielle Risiken. Eine der bahnbrechendsten Entwicklungen des Jahres 2025 kam von der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (FINMA) mit der Veröffentlichung ihres Rundschreibens zu „Naturbezogenen Finanzrisiken“. Auf den ersten Blick mag dies wie ein Nischenthema oder eine weitere Compliance-Angelegenheit in einem ohnehin schon umfangreichen Risikoregister erscheinen. Doch bei genauerem Hinsehen wird die Botschaft deutlich: Die Stabilität der Finanzsysteme ist eng mit der Gesundheit unserer natürlichen Ökosysteme verknüpft. Dies ist nicht nur ein Umweltthema, sondern ein Finanzthema. Und es ist an der Zeit, dass Schweizer Banken, Versicherer und alle Akteure im Finanzsektor diesem Thema höchste Aufmerksamkeit schenken.
Die Natur als Quelle finanzieller RisikenTraditionell wurden Diskussionen über Biodiversitätsverlust, Entwaldung oder Wasserknappheit von Umweltschützern, NGOs und Klimaforschern geführt. Doch das hat sich geändert. Immer häufiger werden Finanzvorstände, Chief Risk Officers und Vorstandsmitglieder von Finanzinstituten dazu angehalten, diese Aspekte in ihre Entscheidungen einzubeziehen. Das Rundschreiben der FINMA ist einer der ersten konkreten regulatorischen Schritte in Europa, der die finanziellen Auswirkungen naturbezogener Risiken formell anerkennt. Es spiegelt einen globalen Paradigmenwechsel wider – im Einklang mit Initiativen wie der Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD) – hin zu einem umfassenderen Verständnis davon, wie die Zerstörung von Naturkapital den Finanzsektor direkt und wesentlich beeinflussen kann. Betrachten wir dies genauer:
- Abhängigkeit: Viele Unternehmen und Wirtschaftszweige sind stark von der Natur abhängig. Die Landwirtschaft benötigt gesunde Böden und Bestäuber. Der Tourismus ist oft auf Naturlandschaften und Artenvielfalt angewiesen. Die Fertigungsindustrie benötigt Rohstoffe aus der Natur. Wenn Ökosysteme geschädigt werden, verwandeln sich diese Abhängigkeiten in Schwachstellen.
- Auswirkungen: Unternehmen können selbst zur Umweltzerstörung beitragen, entweder direkt oder über ihre Lieferketten. Dies kann negative Folgen haben, wie Reputationsschäden, behördliche Sanktionen, rechtliche Haftungsansprüche oder im Extremfall sogar Betriebsschließungen. Und wenn Kunden oder Geschäftspartner betroffen sind, sind auch deren Kreditgeber und Versicherer betroffen.
Die FINMA hat die Bedeutung dieser Zusammenhänge deutlich erhöht, indem sie Finanzinstitute ausdrücklich dazu verpflichtet hat, ihr Engagement in solchen Risiken zu identifizieren, zu bewerten, zu steuern und offenzulegen.
Was steht im FINMA-Rundschreiben?Das Rundschreiben selbst legt eine Reihe von Erwartungen an die beaufsichtigten Einrichtungen fest. Es ist nicht übermäßig detailliert, aber in seiner Absicht eindeutig. Folgendes sticht hervor:
1. Weite Definition von naturbezogenen RisikenDie FINMA verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz. Naturbezogene finanzielle Risiken werden als solche definiert, die aus der Verschlechterung von Ökosystemen und den von ihnen erbrachten Leistungen resultieren. Dazu gehören:
- Physikalische Risiken: Wie Bodenerosion, Wasserknappheit und der Verlust der Artenvielfalt.
- Übergangsrisiken: Dazu gehören beispielsweise politische Veränderungen, Verschiebungen der Verbraucherpräferenzen, neue Vorschriften, Rechtsstreitigkeiten im Zusammenhang mit Umweltschäden oder disruptive Innovationen, die den Wert naturabhängiger Güter beeinträchtigen.
2. Integration in KernrisikokategorienInstitutionen werden nicht aufgefordert, das Rad neu zu erfinden, sondern vielmehr naturbezogene Aspekte in bestehende Risikorahmen einzubetten:
- Strategisches Risiko: Wie naturbezogene Faktoren langfristige Geschäftsmodelle und Strategien beeinflussen.
- Kreditrisiko: Bewertung des Engagements gegenüber Kunden in gefährdeten Sektoren (z. B. Agrarwirtschaft, Forstwirtschaft, Bergbau).
- Marktrisiko: Verstehen, wie der Wert von Finanzinstrumenten durch Naturkatastrophen oder regulatorische Änderungen beeinflusst werden kann.
- Operatives Risiko: Berücksichtigung von Lieferkettenunterbrechungen oder Infrastrukturschwachstellen, die durch die Degradierung des Ökosystems verursacht werden.
- Reputationsrisiko: In der Erkenntnis, dass Verbraucher und Investoren zunehmend erwarten, dass Unternehmen ihre Umweltauswirkungen managen.
3. Unternehmensführung und StrategieVorstände und Geschäftsleitungen sind ausdrücklich aufgefordert, sicherzustellen, dass diese Risiken auf höchster Ebene verstanden werden. Naturbezogene Aspekte müssen in die Geschäftsstrategie und die Diskussionen über die Risikobereitschaft einbezogen werden – und dürfen nicht an ESG-Abteilungen delegiert oder als Randthemen behandelt werden.
4. Erwartungen an die OffenlegungTransparenz ist unerlässlich. Institutionen sind verpflichtet, offenzulegen, welchen naturbedingten Risiken sie ausgesetzt sind, wie sie diese managen und an welchen Rahmenwerken (wie der TNFD) sie sich orientieren. Dabei geht es nicht nur um die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften, sondern auch um die Wahrung der Glaubwürdigkeit bei Investoren, Kunden und der Öffentlichkeit.
5. VerhältnismäßigkeitsprinzipEs wird nicht erwartet, dass alle Institute gleich reagieren. Die FINMA räumt ein, dass kleinere Unternehmen oder solche mit begrenztem Risiko die Grundsätze des Rundschreibens verhältnismäßig anwenden können. Die Erwartung ist jedoch eindeutig: Kein Institut ist ausgenommen.
Über die Einhaltung von Vorschriften hinaus: Ein strategisches GebotAuf den ersten Blick mag dies wie eine weitere regulatorische Vorgabe erscheinen. Doch es steckt viel mehr dahinter. Für zukunftsorientierte Institute sollte das FINMA-Rundschreiben als strategische Chance betrachtet werden.
Warum?Denn naturbedingte finanzielle Risiken sind kein theoretisches Zukunftsproblem – sie sind bereits Realität. Von der zunehmenden Häufigkeit von Überschwemmungen, Dürren und Waldbränden bis hin zu Beeinträchtigungen der landwirtschaftlichen Erträge und der Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen sind die finanziellen Folgen der Naturzerstörung nicht länger abstrakt.
Was bedeutet das für Institutionen?• Daten- und Analysekapazitäten verbessern: Naturbezogene Risiken sind oft schwer zu quantifizieren, insbesondere da viele Auswirkungen nichtlinear oder kumulativ sind. Institute müssen in neue Tools, Datenquellen und Methoden investieren. Dazu gehören Geodatenanalysen, Lieferkettenkartierung und Instrumente zur Biodiversitätsbewertung – viele davon befinden sich noch in der Entwicklung. • Interne Kapazitäten aufbauen: Neue Daten allein reichen nicht aus. Risikomanager, Kreditanalysten und Investmentteams benötigen Schulungen, um diese neuen Datenpunkte zu interpretieren und in sinnvolle Maßnahmen umzusetzen. Interne Weiterbildung ist entscheidend. • Kunden und Partner einbinden: Finanzinstitute sollten nicht nur ihr eigenes Risiko, sondern auch das ihrer Kunden bewerten. Proaktives Engagement – die Unterstützung von Kunden beim Übergang zu nachhaltigeren, naturschonenderen Praktiken – kann sowohl Risiken reduzieren als auch neue Geschäftsmöglichkeiten schaffen. • Anlage- und Kreditrichtlinien anpassen: Portfoliostrategien müssen möglicherweise überdacht werden. Bestimmte Sektoren bergen unter Umständen höhere naturbezogene Risiken als bisher angenommen. Institute müssen die Integration von Ausschlusskriterien, positiven Screening-Verfahren oder sektoralen Obergrenzen auf Basis von Naturauswirkungen und -abhängigkeiten in Betracht ziehen. • Vorbereitung auf zukünftige Offenlegungsvorschriften: Die Angleichung der regulatorischen Vorgaben schreitet zügig voran, insbesondere in Europa. Wer den Offenlegungserwartungen jetzt zuvorkommt – durch die Anwendung bewährter Verfahren und freiwilliger Rahmenwerke wie der TNFD – kann künftige Compliance-Kosten senken und dem Markt ein Zeichen der Führungsrolle setzen.
Warum das wichtig ist – jetzt mehr denn jeDer Verlust der Natur beschleunigt sich weltweit. Laut dem Weltbiodiversitätsrat (IPBES) sind rund eine Million Arten vom Aussterben bedroht, viele davon innerhalb weniger Jahrzehnte. Über die Hälfte des weltweiten BIP – etwa 44 Billionen US-Dollar – ist in mittlerem bis hohem Maße von der Natur und ihren Leistungen abhängig.
In diesem Kontext ist der Schritt der FINMA nicht radikal, sondern rational.Indem Finanzinstitute heute naturbedingte Risiken in ihre Risikomanagementprozesse integrieren, schützen sie sich nicht nur selbst, sondern tragen auch zu einer breiteren wirtschaftlichen Stabilität bei. Dadurch helfen sie, jene Systeme zu stabilisieren, die ihre langfristige Überlebensfähigkeit sichern.
Wie Resilience Guard helfen kannWir von Resilience Guard wissen, dass die Orientierung in diesem neuen Umfeld eine Herausforderung sein kann. Unsere Mission ist es, Organisationen – ob groß oder klein, traditionell oder digital – dabei zu unterstützen, Resilienz fest in ihre Geschäftsprozesse zu integrieren. Dazu gehört nun auch, sie beim Verständnis und Management von naturbedingten finanziellen Risiken zu unterstützen. So können wir Sie dabei unterstützen:
- Risikoidentifizierung und -quantifizierung: Mithilfe traditioneller und fortschrittlicher Instrumente helfen wir Institutionen dabei, die naturbezogenen Risiken in ihren Portfolios zu identifizieren.
- Schulung & Kapazitätsaufbau: Wir bieten maßgeschneiderte Schulungsprogramme für Teams in den Bereichen Risiko, Compliance, ESG und Investment an.
- Richtlinien- und Rahmenentwicklung: Wir unterstützen Sie bei der Aktualisierung von Risikorichtlinien, Governance-Strukturen und Offenlegungsprotokollen, um neuen Anforderungen gerecht zu werden.
- Strategien zur Kundenbindung: Wir helfen Ihnen bei der Entwicklung von Strategien zur Kundenbindung, um mit Kunden in Kontakt zu treten, die naturbedingten Risiken ausgesetzt sind, sei es in der Landwirtschaft, im Tourismus, im verarbeitenden Gewerbe oder im Energiesektor.
- Technologische Unterstützung: Wir beraten Sie hinsichtlich und unterstützen die Implementierung von Tools für Datenanalyse, Berichtswesen und Szenariomodellierung, die mit TNFD und anderen internationalen Rahmenwerken abgestimmt sind.
Unsere umfassende Erfahrung in den Bereichen Risikomanagement, ESG-Beratung und forschungsbasierte Beratungsleistungen versetzt uns in eine einzigartige Position, die Lücke zwischen regulatorischen Anforderungen und praktischer Umsetzung zu schließen.
Schlussbetrachtung: Risiken in Chancen verwandelnWährend sich die Finanzbranche an diese neue Realität anpasst, bietet sich die Chance, nicht nur die Vorgaben zu erfüllen, sondern eine Vorreiterrolle einzunehmen. Wer sich frühzeitig und mit Überzeugung dem FINMA-Rundschreiben widmet, minimiert nicht nur die Risiken seiner Geschäftstätigkeit, sondern positioniert sich auch an der Spitze eines nachhaltigeren und verantwortungsvolleren Finanzsystems. Dies ist eine Gelegenheit, Führungsstärke zu beweisen – nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch bei der Gestaltung der Zukunft des Finanzwesens selbst. Institute, die jetzt handeln, sind besser vorbereitet, agiler und genießen mehr Vertrauen – bei Aufsichtsbehörden, Investoren und der Öffentlichkeit. Der Weg in eine widerstandsfähige Zukunft führt durch die Natur. Gehen wir ihn bewusst.
Sie möchten tiefer in die Materie eintauchen? Kontaktieren Sie uns für eine maßgeschneiderte Resilienzanalyse.